Vom Gartenliebhaber zum Selbstversorger – im Gespräch mit Selbstversorgerin Hannelore Zech

Wildblumen und Stauden im Permakultur-Lehrgarten

Von keinem Supermarkt, keiner Großhandelskette und keiner Wirtschaftskrise abhängig zu sein und nur für sich selbst sorgen zu können, das ist der Traum vieler Kleingärtner. Hannelore Zech hilft Menschen dabei, diesen Traum zu verwirklichen. Sie bewirtschaftet den permakulturellen Mienbacher Waldgarten und leitet die Selbstversorgerakademie auf circa einem Hektar Land im Herzen von Niederbayern. Seit Mai 2014 kann man im Mienbacher Waldgarten auch übernachten. Zur Verfügung stehen zwei Schlafhütten aus Holz, mit insgesamt sieben Betten. Wir haben die Leiterin der Akademie zum Gespräch gebeten und einen faszinierenden Einblick in den Selbstversorger-Workshop bekommen – samt Tipps, wie man unabhängig, sparsam, gesund und intensiv lebt.

Holzhäuschen im Mienbacher Waldgarten

Bild: In einem gemütlichen Holzhäuschen im Waldgarten beginnt das Abenteuer Selbstversorgertum.

Rund um den Selbstversorger-Workshop

Selbstversorgung ist etwas Essentielles. Eigentlich ein Urinstinkt, im Menschen verankert. Nur haben es die meisten verlernt, selbst Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen. Deshalb gibt es jetzt auch so viele Burn-outs, Allergien sowie ernährungs- und stressbedingte Erkrankungen. Der Bodenkontakt geht einfach verloren. Viele Menschen sehnen sich wieder nach dieser Verwurzelung.

Hannelore Zech

Teilnehmer des Selbstversorger-Workshops setzen Pilzgemisch an

Bild: Workshop-Teilnehmer lernen, wie man Pilzgemische ansetzt.

Hannelores Permakultur- und Selbstversoger-Workshops finden in Bayern großen Anklang. So auch bei Kirsten Loesch. Sie wagte den Selbstversorger-„Trip“ und hielt ihre Erlebnisse in ihrem Blog traumselbstversorger.wordpress.com fest, von dem wir hier einige Bilder präsentieren. Workshop-Leiterin Zech erklärt uns, was man bei dem Workshop alles erwarten kann.

Gartenhaus GmbH: Wie sieht so ein Kurs aus? Was lehren Sie und was wird am häufigsten gebucht?

Hannelore Zech: Am häufigsten werden die Gartenkurse wie „Permakultur im Hausgarten zur größtmöglichen Selbstversorgung“ gebucht. Bei diesem Kurs werden die Permakultur-Basisregeln erklärt, auf den Gemüsebau eingegangen, erklärt, was sonst noch so alles kultiviert werden kann und bei jedem Kursteilnehmer wird zusätzlich gleich der eigene Garten besprochen und. geplant. Deshalb nehme ich hier auch nicht mehr als 5 Teilnehmer respektive  Gärten – es macht natürlich immer Sinn wenn Eheleute gemeinsam dabei sind!

Welcher Teil des Kurses bereitet den Teilnehmern im Schnitt am meisten Freude?

Am meisten begeistert die Teilnehmer meist die Besprechung der mehrfunktionalen Permakulturelemente: das hühnerbeheizte Gewächshaus oder der Hühnertraktor, die Komposttoilette mit ihrem geschlossenen Kreislauf oder die Wurmfarm, die zur Kaltkompostierung dient und sogar auf einem Balkon umgesetzt werden kann. Der Solardörrer, der nur mit Sonnenenergie Kräuter, Obst und Pilze trocknet, und viele weitere mehr.

Meine Kurse richten sich an ganz normale Menschen, die für sich selbst mehr tun möchten.
Bienenstöcke mit hauseigener Bienenzucht

Bild: Rendezvous mit der hauseigenen Bienenzucht.

Richten Sie sich mit Ihren Kursen vermehrt an „Aussteiger“ oder auch an den „Ottonormalverbraucher“ aus der Stadt, der lernen möchte, wie er sein Kräutergärtchen pflanzt?

Aussteiger nehmen selten an Kursen teil. Die steigen einfach aus. Nein, meine Kurse richten sich an ganz normale Menschen, die für sich selbst mehr tun möchten. Ihr Ziel ist es, zumindest über den Sommer hinweg frisches Grün für Smoothies aus ihrem Garten ernten zu können oder Gemüse anzubauen, damit sie ihre Suppenwürze selbst herstellen können, ohne künstliche Zusatzstoffe. Auch viele Menschen, die eine neue Ausrichtung suchen, vor einem Neuanfang stehen oder ähnliches, nehmen vermehrt an meinen Kursen teil.

Selbstversorgung ≠ Verzicht

Kräutervielfalt aus dem Mienbacher Waldgarten

Bild: Teilnehmer lernen die Vielfalt der Kräuter aus Hannelores Waldgarten kennen.

Selbstversorgung ist viel eher eine Bereicherung.

Wann und warum haben Sie sich entschieden, als Selbstversorgerin zu leben?

Es hatte eigentlich einen gesundheitlichen Aspekt. Verstärkt wurde dieser, als unser Sohn mit starker Neurodermitis und vielen Nahrungsmittelallergien zu kämpfen hatte. Ich bin bereits größtenteils in der Selbstversorgung groß geworden. Viel bekam ich noch von meiner Großmutter mit auf den Weg. Dieses Wissen konnte ich dann nutzen und seit ungefähr zehn Jahren setze ich dies auch bewusst um und lerne Neues dazu, um dieses Wissen immer weitergeben zu können. In der Selbstversorgung hört das Lernen nie auf! Das Wertvollste dabei sind die Erfahrungen, die man sammelt, auch wenn manchmal so einiges schief geht, was man so mühevoll herangezogen, vorbereitet oder verarbeitet hat.

Selbstversorgung bedeutet ja immer ein Stück weit Verzicht. Was vermissen Sie am meisten?

Verzicht? So sehe ich das nicht. Was soll ich denn vermissen? Wenn wir essen gehen, endet dies meist in einer Enttäuschung. Das Essen woanders schmeckt nämlich nicht mehr. Es ist fade und energielos. Mein Garten bietet so eine Vielfalt, geschmacklich und fürs Auge. Selbstversorgung ist viel eher eine Bereicherung. Das merken auch meine Kinder. Wenn sie selbstgebackenes Brot und Semmeln verlangen, lieber die eigenen Seifen verwenden, täglich leidenschaftlich gerne die Eier von den Wachteln und den Hühnern einsammeln und sich um die Hasen kümmern, an denen die Wolle für das nächste paar warmer Wintersocken heranwächst (Angorahasen). Unsere Familie verzichtet auf viele Grippewellen (weil wir einfach robuster sind und gesünder leben), auf Diskussionen über bestimmte Klamotten, weil nur in Ausnahmefällen Neues gekauft wird (wir bevorzugen Second Hand, da sind die Giftstoffe bereits ausgewaschen), wir verzichten auf Urlaubsflüge und stressige Autofahrten, weil es daheim viel schöner und ruhiger ist. Nein, wir vermissen nichts.

Wildblumen und Stauden im Permakultur-Lehrgarten

Bild: Der Mienbacher Waldgarten heißt Neugierige herzlich Willkommen und inspiriert jedes Jahr mehr Gäste zu einer gesünderen und nachhaltigeren Lebensweise.

Wie hält man es als Selbstversorger mit Strom und Sanitäranlagen?

Natürlich ist die Eigenversorgung mit Strom in den seltensten Fällen möglich und der Anschluss an die Kanalisation ist fast überall Pflicht. Auch ein Selbstversorger hat saubere Sanitäranlagen. Eine Komposttoilette, richtig gebaut, ist absolut geruchlos und sauber, verursacht weit weniger Kosten und gibt unserem Boden das zurück, was wir ihm weggenommen haben. Doch wir haben in Deutschland unsere Vorschriften, und die sollten wir auch einhalten, soweit es vertretbar ist.

Hannelore Zechs Lieblingsrezept: Kräutersirup

Gefragt nach ihrem Lieblingsrezept, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Kräutersirup. Hier ein Rezeptvorschlag für eine mäßig süße Variante des Sirups:

Rezeptidee_Kräutersirup

Hannelores Lieblingsrezept für Kräutersirup.

Tipps für Selbstversorger

Steht einem einmal eine wahre Expertin in Sachen Selbstversorgung Rede und Antwort, muss  man die Gelegenheit nutzen! Wir haben Hannelore nach den wichtigsten Tipps für Selbstversorger gefragt.

Zur richtigen Erde für Obst und Gemüse:

Kann man seine Erde nicht selbst mischen, dann empfehle ich eine biologische Universalerde aus dem Bioladen. Wir verwenden in unserer Gärtnerei die torffreien Erden von Ökohum. Ist im Garten aber bereits Komposterde vorhanden, dann kann diese mit normaler Erde vom Beet gemischt werden. Für Schwachzehrer, wie Salate, kann noch etwas Sand mit dazu gemischt werden. Starkzehrer, wie Kohl, Tomaten, Paprika und dergleichen, brauchen eher einen höheren Komposterdanteil und keinen Sand, um sich optimal zu entwickeln.

Die richtige Erde für Pflanzen, Obst und Gemüse

Bild: Jede Pflanzen-, Obst-, und Gemüseart benötigt verschiedene Erd-Bedingungen, um optimal zu wachsen.

Zur Düngung:

Wir verwenden natürlich unseren Kompost, also all unsere rohen Küchenabfälle, das Gekochte wird von den Hühnern aufgefressen. Deren Mist kommt kompostiert aber auch wieder auf unsere Beete, ebenso der Stroh-Mist der Hasen. Da Mineralien im Boden auch immer sehr wichtig sind, werden die gemörserten Eierschalen und die Holzasche vom Winter fein auf den Beeten verstreut. Über den Sommer hinweg setzen wir außerdem Kräuterjauchen zur Pflanzenstärkung an. Meist Brennesseljauche mit Beinwell und Ackerschachtelhalm. Das wirkt sofort und ist absolut natürlich, Schädlinge sind damit auch Geschichte.

Brot backen im Steinofen

Bild: Das Backen von Brot heizt Selbstversogern zu kalten Jahreszeiten ein.

Zur Versorgung im Winter:

Kurz vor dem Winter: Wir kochen sehr viel ein. Gerade Gurken, Paprika, Rote Bete und so weiter. Natürlich auch das Obst. Es wird zu Marmeladen und Saft verarbeitet, aber auch geweckt – also geviertelte, geschälte Früchte in speziellen Gläsern im Weckkessel haltbar eingekocht. Wir haben sehr viel Wildgemüse und winterhartes Gemüse im Garten, das wir nach Bedarf einfach holen. Zum Beispiel die Herbstrüben, die auf dem Beet überwintern. Die Herbstsalate werden im Frühbeet eingeschlagen und nach Bedarf bis Januar geholt, die Kürbisse können im warmen (10 – 15 Grad) gelagert werden, die Kartoffeln in der Speisekammer.

Auch Schweine leben in der Selbstversorger-Akademie

Bild: Hannelores Tiere genießen ihr organisches Essen zu allen Jahreszeiten.

Sobald der Boden aufgetaut ist: Jetzt können wir die Wildgemüsewurzeln holen. Dazu gehören Topinambur, Haferwurz, Schwarzwurzeln, Nachtkerzenwurzeln und die Wurzeln der wilden Pastinake. Karotten, Sellerie, Rettiche und weiteres Wintergemüse können in kleinen Erdmieten in alten Waschmaschinentrommeln eingelagert und mit Strohballen abgedeckt werden. Daraus kann nach Bedarf geholt werden. Im Frühling stellen wir große Einmachgläser auf die Salatkräuterbestände, dies wirkt wie ein Gewächshaus und der Austrieb beginnt früher. Somit können wir die Salatsaison auf Mitte März, je nach Wetterlage, verfrühen.

Welche Fähigkeiten Selbstversorger auf eine einsame Insel mitnehmen sollten:

Notizbuch mit Notizen zur Pflanzenkenntnis

Bild: Des Selbstversorgers bester Freund: Ein Notizbuch, damit die gewonnenen Kenntnisse nicht verloren gehen.

  • Pflanzenkenntnis: Was muss wie gepflegt werden, was kann wie zubereitet werden
  • Kenntnisse der Saatguterweiterung, um die Pflanzen zu erhalten
  • Tierkenntnis: Was muss wie geschlachtet und ausgenommen werden
  • Angelfähigkeit
  • Wie man ein Feuer in Gang bringt
  • Den gesunden Menschenverstand (!)

Bildquellen:

Bild 1: Hannelore Zech, http://www.mienbacher-waldgarten.de/

Alle anderen Bilder: Kirsten Loesch, https://traumselbstversorger.wordpress.com/2014/06/30/durchgemyzelt-im-mienbacher-waldgarten/