Wohnungssuche ade, sagte sich der Münchner Performancekünstler Tommy Schmidt und beschloss, in ein Gartenhaus mitten in der Innenstadt zu ziehen (wir berichteten). Sein neues Kleinst-Domizil bewohnt er nun seit zwei Wochen: Wir sind hingegangen und haben ihn gefragt, wie es sich auf vier Quadratmetern lebt.

Tommy Schmidt auf dem Bett seines Gartenhauses

Tommy und sein fertig eingerichtetes „Sweet Hoam“. In den Ecken und an den Wänden wär sogar noch Platz für das ein oder andere. Vielleicht ein Bücherregal?

Von Fensterputzern und Pizzaboten

Ich treffe Tommy Schmidt in der Cafeteria des Hauses der Kommunikation in der Brienner Straße, unweit vom malerischen Königsplatz mit dem großen Propyläen-Tor. Er hustet noch, letzte Woche waren er und sein Sohn krank, aber heute scheint die Sonne auf das schöne München, und er ist wieder fit. Beinahe.

Vom Tisch, an dem wir stehen, kann man durch die Glaswand das winzige Gartenhaus im Innenhof stehen sehen, in das er vor zwei Wochen eingezogen ist. Das helle Holz wirkt ein wenig deplatziert neben den hohen Betonfassaden der Bürogebäude, an den Giebelleisten leuchten rot-weiße Absperrmarkierungen. Wie ein Ausstellungsstück, das sich auf den Weg zum Gartenfest verlaufen hat. Aber es ist ja auch Kunst, was Tommy Schmidt hier macht.

Wer denkt, man müsste es ihm ansehen, dass ihn nur 4 Quadratmeter von der Wohnungslosigkeit trennen, der irrt sich: Von außen würde man nicht vermuten, dass an seinem Leben irgendetwas anders ist als dem regulärer Wohnungsbesitzer. Aber wie sieht er es selbst?

Würdest du sagen, dass sich bisher deine Vorstellungen vom Wohnen im Gartenhaus erfüllt haben oder nicht?

„Im Großen und Ganzen hat es sich erfüllt und es ist auch nicht so anders wie das Leben, das ich vorher geführt habe. Ich war vorher auch schon in meiner „konventionellen“ Wohnung sehr viel unterwegs, zum Essen, Trinken, im Fitnessstudio. Es ist jetzt ein bisschen härter, konsequenter, wenn ich keinen Bock auf Fitnessstudio hab, muss ich halt trotzdem hin, auch bei Regen – sonst kann ich nicht duschen.

Was anders ist, das überrascht mich aber nicht, ist der viele Verkehr hier nachts. Um 1 Uhr morgens kommen die Fensterputzer, dazu Pizzaboten, Security, Betrunkene von der Straße. Dass die nicht alle was von mir wollen, musste ich erst einmal lernen.“

Schlafen geht also trotzdem.

„Schlafen geht einwandfrei. Vor allem die frische Luft tut gut. Durch die Ritzen in den Wänden – das ist ja eher ein Geräteschuppen als ein Wohnhaus – kommt da viel durch. Es ist warm, und Platz genug habe ich auch.“

Tommy Schmidt vor seinem Gartenhaus

Nachts streunen zwar überraschend viele Leute um das Gartenhaus, aber Tommy Schmidt stört das nicht. Die meisten wollen sowieso nichts von ihm.

Auch krank sein geht – solange man allein ist

Du meintest ja zuletzt, das einzige, was du gerne mitgenommen hättest, wäre dein Kleiderschrank. Vermisst du die Auswahl, oder kommst du auch gut mit weniger aus?

„Man meint ja oft, man muss so und so aussehen oder rüberkommen: Deswegen hat man dann so viele Klamotten im Schrank und wechselt sie auch so oft. Aber bisher hab ich noch keine negativen Rückmeldungen auf mein Outfit bekommen. Ich habe mir meine Verhältnisse nun mal so geschaffen, wie sie für die nächsten Wochen sind, und bis jetzt ist das kein Problem.“

Alle, die deine Facebook-Seite zum Projekt verfolgen, wissen, dass du deinen Gartenhausaufenthalt krankheitsbedingt für einige Tage aussetzen musstest. Stößt da das Wohnmodell Gartenhaus an seine Grenzen?

„Also, krank sein ist okay, das geht schon. Aber ich musste dann auch noch meinen Sohn versorgen, der ebenfalls krank war, und mit der Hin- und Her-Fahrerei wurde mir das dann zu viel. Ich hab dann bei ihm auf der Couch geschlafen, das ist auch kein so großer Unterschied zum Gartenhaus.“

Kleiderhaken in Tommys Gartenhaus

Ein Kleiderhaken neben der Tür muss reichen: „Bisher hat sich noch niemand über mein Outfit beschwert.“

Das bisschen Haushalt

Das Gartenhaus bringt es mit sich, dass du fast alle häuslichen Tätigkeiten auslagern musst. Essen und Trinken ist da kein Problem, Duschen kannst du im Fitnessstudio. Aber was ist mit den Kleinigkeiten wie dem Toilettengang oder Zähneputzen?

„Das mach ich alles hier im Gebäude (Anm. d. Red.: Tommys Gartenhaus steht im Innenhof eines Gebäudekomplexes an der Brienner Straße, dem Haus der Kommunikation). Abgesehen davon ist meine Empfehlung und Absicht ja auch nicht, dass sich 1,6 Millionen Münchner ein Gartenhaus hinstellen und dann nicht wissen, wo sie hingehen, wenn sie mal müssen.

Was ich hier mache, ist ein Versuch, sich mal anders zu organisieren. Gemeinschaftsbäder, Gemeinschaftsküchen, Gemeinschaftstoiletten – ich denke durchaus, dass das funktioniert. Aber mein Gartenhaus ist in erste Linie ein Kunstprojekt, daher nutze ich auch die Infrastruktur, die hier bereits vorhanden ist.“

Was würdest du als das Schönste bezeichnen, was deine neue Wohnsituation mit sich bringt?

„Womit ich davor nicht gerechnet hatte, war die Nähe zur frischen Luft. Ich würde jetzt nicht sagen Natur, aber ich mache die Tür auf und bin im Freien – ich hatte nicht gedacht, dass mir das so gefallen würde.“

Blumenkasten unter dem Fenster von My Sweet Hoam

Auch schön: Ein bisschen Garten geht überall. Und wenn es nur ein Blumenkasten vor dem Fenster ist.

Hast du denn schon nachgerechnet, ob und wieviel Geld du tatsächlich sparst?

„Naja, sparen war nicht wirklich das Ziel. Das Ziel war, auf weniger Lebensfläche dieselbe Lebensqualität zu erreichen. Und das klappt nach überschlägigen Rechnungen. Ich lande mit allen meinen Ausgaben für Essen und Trinken, Kino, Klavierstudio, Stundenhotel usw. schätzungsweise bei 1000 Euro im Monat. Die würde ich aber auch sonst verjubeln.“

Und du zahlst keine Miete.

„Ich zahle vor allem so gut wie keine Nebenkosten. Ich verbrauche kein Wasser, mein Stromverbrauch ist minimal – ich hab neulich Staub gesaugt, das hat zwei Minuten gedauert. Ich externalisiere sozusagen nicht nur Wohnfläche, sondern auch Arbeit:

Hätte ich eine eigene Dusche, müsste ich dafür nicht nur Miete zahlen, ich müsste sie auch putzen. Fürs Fitnessstudio dagegen zahl ich zwanzig Euro pro Monat, da ist sowohl die Dusche mit drin als auch das Gehalt für die Reinigungskraft, die sie sauber macht. Meine nicht vorhandene Küche muss ich nicht putzen – für das Geld, das ich im Restaurant ausgebe, wird dort auch das Geschirr gespült.“

Du sparst dir also bis auf zwei Minuten Staubsaugen pro Woche den gesamten Haushalt.

„Und das schlägt ja auch irgendwie zu Buche. Mein Sohn studiert Volkswirtschaft, der kann vielleicht nochmal eine Umlagerechnung aufstellen, um zu sehen, was am Ende bei raus kommt.“

Liegestühle im Innenhof des Hauses der Kommunikation

Im Gegensatz zu den Angestellten im Bürokomplex, die sich in der Nachmittagssonne räkeln, hat es Tommy Schmidt vom Bett bis zum Liegestuhl nur zwei Meter.

 

Weniger Wohnung, weniger Zeit?

Sparst du dir denn durch das Auslagern auch Zeit? Dein Arbeitsplatz ist ja jetzt direkt vor deiner Haustür, und alles andere ist ganz in der Nähe.

„Zeit spare ich, glaube ich, nicht. Man muss bedenken: Ich kann nicht mal schnell zum Kühlschrank gehen und mir ein Stück Käse holen. Da muss ich mich erst einmal aufs Fahrrad setzen. Ich habe definitiv einen höheren Mobilitätsaufwand, der sogar einen höheren Zeitaufwand mit sich bringen könnte.“

Gespürt hast du aber sowohl in der einen als auch der anderen Richtung noch nichts?

„Nein. Man muss aber auch dazusagen, dass ich mitten in der Stadt wohne. Das Gegenmodell lebt gerade meine Künstlerkollegin Alexandra Vogt im Allgäu. Sie hat sich dort ein leerstehendes Milchwerk gekauft und lebt alleine auf 5000 Quadratmetern. Wenn die ein Stück Käse will, ist sie ein paar Kilometer unterwegs – ich dagegen nur ein paar hundert Meter. Sie zahlt auch nichts fürs Wohnen, aber wenn sie Livemusik hören will, holt sie sich Bands direkt zu sich ins Wohnzimmer.“

Du auf der anderen Seite hast kein Wohnzimmer, dafür aber das Volkstheater in derselben Straße und das Kino in der nächsten.

„Das ist eben ein wesentlicher Aspekt meiner künstlerischen Arbeit hier: Ich lebe freiwillig in München. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das heißt eben auch, dass ich nicht auf Makler und Vermieter schimpfe, sondern mich frage, wie ich meine Lebensgestaltung selber steuern kann. Es zwingt mich ja niemand, mit diesem Schema von Bad, Küche und Balkon im Kopf herumzulaufen.“

Dekorierter Innenraum von Tommys My Sweet Hoam

Ein Bett, eine Kommode, eine Heizung, zwei Lampen. Gemütlich ist es trotzdem irgendwie. Sollte es Tommy doch noch eines Tages nach einer anderen Einrichtung verlangen, hätten wir da ein paar Ideen.

Was das Funktionale angeht, hast du in der Tat gute Lösungen gefunden. Was aber ist mit deinem Hausrat? Den Dingen, die man für gewöhnlich einfach in der Wohnung stehen hat, weil man es gemütlich haben will: Bücherregale, Fernseher oder einfach einen Sessel?

„Zum einen muss ich sagen, dass ich sehr wenig besitze. Ich hab zwei Fahrräder, aber die kann ich außen an die Wand stellen. Das Thema Bücher ist aber ein guter Punkt. Für gewöhnlich liest man ein Buch einmal, nicht öfter. Oder gar nicht. Meine Mutter hat mir die Helmut Schmidt-Biografie geschenkt, so ein dickes Teil. Das ist schon interessant, steht aber immer noch eingeschweißt in irgendeinem Regal.

Auf der anderen Seite hat die Münchner Stadtbibliothek derzeit über 3 Millionen Bücher in ihrem Bestand. Solange ich mich da nur reinsetze und lese, kostet mich das gar nichts. Und der nächste Lesesaal ist fünf Minuten von mir entfernt. Wozu also brauche ich ein Bücherregal? Fernsehen kann man auch auf dem Handy.“

Solange man bereit ist, auf seinen schönen großen Flachbildfernseher zu verzichten.

„Richtig. Aber ich brauche nicht mehr. Ein bisschen Fernsehen abends auf dem Bett, fertig aus. Das ist für mich kein Problem. Ich müsste wirklich überlegen, was das sein sollte, das mir da abginge. Vielleicht nachts zum Kühlschrank zu gehen und einen Schluck Milch zu trinken. Aber brauche ich das wirklich? Viele Dinge nutzt man denke ich nur, weil sie halt da sind. Sind sie nicht da, kommt man trotzdem zurecht.“

Als wir im Gartenhaus sitzen, erzählt mir Tommy noch, warum er sich bei seinem Kunstprojekt überhaupt für ein Gartenhaus entschieden hat:

„Ich hatte ja die Möglichkeit, dasselbe Konzept auch anders umzusetzen. Ich hätte mir auch hier bei meinem Arbeitgeber einen Druckerraum oder eine Abstellkammer suchen können, das wäre im Prinzip das gleiche gewesen. Ein Gartenhaus ist da aber natürlich viel symbolträchtiger, es hat noch mehr den Charakter des eigenen Hauses – nur in Miniaturformat.“

Auch wenn es nicht als dauerhafte Wohnstatt gedacht ist.

„Nein. Es ist ein Kunstprojekt. Ich weiß gar nicht, wie das bauamtlich geregelt wäre, würde ich meine Adresse hierher verlegen (Anm. d. Red.: Worauf Sie achten müssen, wenn Sie ihr Gartenhaus zu Ihrem Wohnort machen wollen, erklären wir Ihnen hier). Darum geht es ja auch nicht. Sondern um das Aufzeigen von Möglichkeiten.“

Vielen Dank Tommy für das spannende und freundliche Interview! Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg und Freude in deinem Sweet Hoam.

Tommy Schmidt ist mit seinem Gartenhaus nicht allein. Den Trend der Tiny Houses können Sie unter anderem in unserer Pinterest-Sammlung verfolgen.

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Bilder: ©GartenHaus GmbH