Mit Gärtnern die Integration fördern und Flüchtlingen helfen: Das ist möglich! Wie es besonders gut geht, zeigt das Bunt-Projekt des ÖBZ München. Hier werden nicht nur Gemüse, sondern auch Sprachkenntnisse und neue Freunde geerntet.

Zusammen säen und ernten – das Bunt-Projekt in München zeigt wie stark Gärtnern verbindet.

Zusammen säen und ernten – das Bunt-Projekt in München zeigt wie stark Gärtnern verbindet.

Bald geht es wieder los! Das Bunt-Projekt im ÖBZ startet Mitte April in die fünfte Runde. Bereits seit 2012 kommen hier unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge mit Umwelt- und Sozialpädagogen zusammen, um aus einem leeren Beet ein reichhaltiges zu machen.

Dabei entscheiden die Jugendlichen selbst, was angebaut werden soll und was nicht. Bei einem gemeinsamen Kochen werden dann nicht nur Koch- sondern auch Sprachkompetenzen vertieft. In diesem Video auf der Seite des ÖBZ können Sie sich selbst ein Bild davon machen, wie gut der Kulturaustausch funktioniert.

Genaueres haben wir vom Leiter des Projekts, Marc Haug, erfahren:

Das Bunt-Projekt gibt es seit 2012. Wie kamt ihr auf die Idee?

Marc Haug: Einer unserer ehrenamtlich tätigen Gärtner hatte Kontakt zum Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“, die junge Flüchtlinge betreuen. Seit 2010 wurde ein Teil des Gartens für unbegleitete Jugendliche und Flüchtlinge des KOMM Projektes des Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch“ zur Verfügung gestellt, zunächst als offenes und ungebundenes Freizeitangebot.

Daraus entwickelte sich 2012 das „Bunt“-Projekt, das wir seitdem jedes Jahr durchführen, mit dem Ziel einer Willkommenskultur, die Flüchtlinge und Migranten mit Hilfe zur Selbsthilfe unterstützt und das friedliche Miteinander verschiedener Kulturen fördert. Wir haben bei der Konzeption des Projekts überlegt, wie wir ökologische Bildungsarbeit (oder „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“, wie man heute sagt) am besten in das Projekt einbinden können.

Mehr über regionales Gemüse und Blüten lernen – dabei werden auch spielerisch Deutschkenntnisse vertieft.

Mehr über regionales Gemüse und Blüten lernen – dabei werden auch spielerisch Deutschkenntnisse vertieft.

Du sprichst von wir: Wer wirkt denn alles an diesem Projekt mit?

Marc Haug: Wie oben schon beschrieben, lebt das Projekt von der Kooperation zwischen dem Münchner Umwelt-Zentrum im ÖBZ und dem Verein Hilfe von Mensch zu Mensch. Der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch übernimmt die sozialpädagogische Betreuung. Wir vom ÖBZ stellen die Infrastruktur wie den Garten oder die Küche und betreuen das Projekt von Seiten der Umweltbildung.

Ebenfalls eingebunden ist die Bienengruppe des Münchner Umwelt-Zentrums. Gemeinsam haben wir beispielsweise im vergangenen Jahr zusammen mit den jungen Flüchtlingen den Honig geschleudert.

An dieser Stelle dürfen wir nicht vergessen, dass so ein Projekt auch finanzielle Unterstützer benötigt. Erfreulicherweise erhalten wir Unterstützung durch das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz im Rahmen der Landesarbeitsgemeinschaft Sozialarbeit.

Es wird also nicht nur gegärtnert. Welche Teilaspekte beinhaltet das Projekt?

Marc Haug: Gärtnern, Kochen und Essen in Gemeinschaft machen den Kern des Projekts aus. Denn Gärtnern eignet sich im besonderen Maße als sinnstiftende Tätigkeit. Um Erfolgserlebnisse zu bekommen, bedarf es keiner ausgeprägten Sprachkenntnisse. Die Teilnehmer erfahren auf praktischer Ebene, dass sie sich sinnvoll einbringen können.

Sie lernen dabei die Umwelt und insbesondere die Natur im Garten kennen, begreifen ökologische Zusammenhänge durch praktische Erfahrungen und können selbstständig aktiv werden.

Was zusammen gesät wird, wird auch in der Gemeinschaft gegessen.

Was zusammen gesät wird, wird auch in der Gemeinschaft gegessen.

Und dadurch gelingt auch eine Integration der Jugendlichen im größeren Kontext?

Marc Haug: Bereits bei der Pflanzenauswahl fließen unterschiedlich kulturell geprägte gärtnerische Erfahrungen und Essgewohnheiten ein. Das ist nicht nur für die jungen Flüchtlinge interessant, sondern gleichsam auch für uns. Es wird gemeinsam geplant, welche Pflanzen in dieser Gartensaison in die Beete aufgenommen werden. Die jungen Menschen reflektieren die Unterschiede zu ihrem Heimatland und lernen auf diesem Wege ihre neue (Flüchtlings-)Heimat kennen:

Was wächst in hiesigen Gärten? Wie kocht man in Deutschland? Deutschland gilt heute als Land einer vielfältigen Küche, die von vielen internationalen Kulturen geprägt ist. Was ist das Besondere der Küche ihrer Heimat? Wie unterscheiden sich die Geschmäcker, die Zubereitungsarten? Welches Obst oder Gemüse, welche Kräuter und Gewürze werden vermisst? Wie kann man die heimatliche Küche in Deutschland einbringen oder kombinieren u.a.m.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit lassen sich gut beobachten. Die Pflanzen gedeihen, sie blühen und tragen Früchte.

Nach der Ernte können die Jugendlichen ihren Erfolg nicht nur sehen, sondern bei den gemeinsamen Kochaktionen auch schmecken. Außerdem können sie unseren Imkern über die Schulter schauen und auch beim Honigschleudern helfen. Sie erfahren positive Gemeinschaftserlebnisse. Gleichzeitig stärkt das Arbeiten in Gemeinschaft ihre Sprachkompetenz.

In diesem Jahr haben wir außerdem noch einen weiteren wichtigen Aspekt aufgenommen – den der Medienkompetenz. Wir werden das Projekt mit einem Internet-Blog begleiten. Dabei werden zum Beispiel Fragestellungen wie die des Umgangs mit Sozialen Medien angesprochen.

Die Jugendlichen lernen nicht nur etwas über die Pflanzenwelt, sondern helfen auch den Imkern.

Die Jugendlichen lernen nicht nur etwas über die Pflanzenwelt, sondern helfen auch den Imkern.

Seit 2012 hat sich an der Flüchtlingssituation ja viel geändert. Wirkt sich die aktuelle Flüchtlingssituation auch auf euer Projekt aus?

Marc Haug: Die Gruppe trifft sich von Beginn der Gartensaison bis Ende Oktober einmal in der Woche. Wir haben leider nicht mehr Kapazitäten, sodass wir unser Angebot auf jeweils eine Gruppe von rund 20 Jugendlichen begrenzen müssen.

Im Vergleich zum ersten Projektjahr 2012 bis zum vierten Projektjahr 2015 zeigen sich jedoch durchaus gewisse Veränderungen. Zu Beginn setzte sich die Gruppe der Jugendlichen nur aus Jungen, überwiegend aus Afghanistan, zusammen. Seit dem zweiten Projektjahr nehmen immer mehr Mädchen daran teil, und die Herkunftsländer sind auch vielfältiger. Neben den arabischen Ländern finden auch aus dem afrikanischen Raum immer mehr Jugendliche zu uns.

Wie wird man als (minderjähriger) Flüchtling in das Projekt aufgenommen? Seid ihr auf eine bestimmte Zielgruppe fokussiert?

Marc Haug: Die Jungen und Mädchen sind in der Regel im Alter zwischen 16 und 18 Jahren und kommen aus Ländern wie Afghanistan, Eritrea, Syrien und anderen Krisenregionen der Welt. In den Schulklassen mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen, die von dem Verein Hilfe von Mensch zu Mensch betreut werden, werden sie auf unser Angebot hingewiesen.

Wichtig ist: Es ist ein außerschulisches Angebot, das die Jugendlichen, unabhängig von Herkunftsland, Religion oder Geschlecht, freiwillig in ihrer Freizeit wahrnehmen.

Wenn du in drei Sätzen zusammenfassen müsstest, was ihr den teilnehmenden Jugendlichen mitgeben wollt, was wäre das?

Marc Haug: Natürlich möchten wir den Flüchtlingen ein spannendes ökologisches Bildungsangebot machen. Aber ganz wichtig ist uns: Die jungen Menschen sollen lernen, ihre Potentiale zu erkennen. Wir wollen sie darin unterstützen, Mut für ihr Leben zu gewinnen.

Der Garten als Ort der Begegnung – Das Bunt-Projekt macht Spaß, ist leerreich und stärkt die Gemeinschaft.

Der Garten als Ort der Begegnung – Das Bunt-Projekt macht Spaß, ist leerreich und stärkt die Gemeinschaft.

Nehmt ihr sichtbare Veränderungen wahr, die im Laufe des Projekts bei den Jugendlichen eintreten?

Marc Haug: Für viele der Flüchtlinge sind die Stunden in den Gärten des Ökologischen Bildungszentrums eine wohltuende Abwechslung zu ihrem sonstigen Alltag. Im Laufe der Zeit entwickelt sich dabei ein Gemeinschaftsgefühl.

Jedes Jahr ist einer der Höhepunkte ein sogenanntes „Eat in“. Da bereiten die Flüchtlinge ein großes Buffet und laden die anderen Gärtnerinnen und Gärtner zu einem gemeinsamen Fest ein.

Der Garten wird auch nach Ablauf der Projekte von den Jugendlichen gern aufgesucht. Sie haben während des Projektes eine enge Bindung an den Garten und an die mit ihm verbundenen Menschen aufgebaut. Es ist „Ihr Garten – Ihr Ort der Begegnung“.

Du sprachst zu Beginn von eurem vierten Probejahr: Hat das Projekt eine festgelegte Laufzeit? Und wann geht die nächste Runde los?

Marc Haug: Das Projekt hat jeweils eine Dauer von einer Gartensaison. Nächste Woche, ab Mitte April 2016, geht es in die inzwischen fünfte Runde. Darauf sind wir durchaus auch etwas stolz.

Vielen Dank an Herrn Haug für das spannende Interview!

Das Bunt-Projekt zeigt, dass der kulturelle Austausch, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit Flüchtlingen sehr gut funktionieren kann. Wir freuen uns mit dem Bunt-Projekt über ihren großen Erfolg und wünschen reiche Ernte in der kommenden Gartensaison.

Bilder: ©Bunt-Projekt ÖBZ München